Ein Problem bis heute

 

Zwar hat der Verein immer noch 38 aktive Sänger, aber Ende 1956 ertönt wieder ein Klagelied, diesmal von Schriftführer Josef Tharr, das folgendermaßen endet: „Vor allen Dingen ist ein großes Augenmerk auf die Jugend zu richten und sie wieder auf den Gemeinschaftssinn innerhalb der Vereine hinzuweisen. Dies dürfte das größte Problem der Zukunft sein. "

Mit dieser Vorhersage hat er leider völlig Recht behalten.

 


Für viele: Endgültiger Abschied

 

Vermutlich hat „Rütli“` die gleichen Schwierigkeiten zu beklagen. So ist für den Vorsitzenden des „Rütli“`, Jakob Brücker, die Zeit reif, einen langen gehegten Wunsch zu verwirklichen: die Vereinigung beider Chöre, die zweite also, von der eingangs schon berichtet worden ist. Nach 8 Jahren getrennten Marschierens, Probens und Singens kommt es 1957 am Tag der deutschen Einheit zur reibungslosen Wiedervereinigung. Vermutlich steigt eine beträchtliche Gruppe bei dieser Gelegenheit endgültig aus dem Chorgesang aus und schwächt damit den Aufschwung, den man sich von der Vereinigung erhoffte, spürbar ab: Der neue „MGV Stotzheim" zählt nur noch 40 Sänger, das ist relativ wenig, wenn man bedenkt, dass vor neun Jahren 113 Männer in den Männerchören aktiv waren.


„Total zerknirscht"

 

Aber der Verein hat wieder Geld und kann sich eine Spende von 100 DM für das zu renovierende Ehrenmal leisten. Die Sänger zeigen sich willig und sind auch bereit, einen berechtigten Tadel einzustecken, wie z.B. der Schriftführer Willi Breuer, der vom Sängerfest in Satzvey (Juni 1957) berichtet: „Da am heutigen Nachmittag im Fernsehen das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft übertragen wurde, wollten verschiedene Sangesbrüder beide Ereignisse miterleben und kamen zu spät in Satzvey an, als es galt; beim ersten Auftritt des neuen Vereins mitzuwirken. Hierzu gehörte auch der Schriftführer, der sich im Anschluss an die Fernsehübertragung als Soziusfahrer auf der „98er Rennmaschine" des Sangesbruders Jakob Regh betätigte. Beide kamen aber trotz Überschreitens der Höchstgeschwindigkeit verspätet; dh. bei den letzten Akkorden des Stotzheimer Liedvortrages in Satzvey an und mussten hier total zerknirscht die berechtigten Rügen des Vorsitzenden Jakob Brücker in Empfang nehmen." Da ist der Schriftführer also den männerchorfeindlichen Verführungen der Moderne, die er wenig später beklagt, selbst erlegen.


Ausweg Kooperation?

 

Es tut sich Neues gegen Ende dieses Jahres 1958. Am Totensonntag dirigiert ein neuer, noch junger, aber „eingeborener" Stotzheimer den MGV: Hans Sieverings. Mit ihm und unter der klugen Mithilfe des Vorsitzenden Jakob Brücker beginnt eine neue Phase des Chorgesangs in Stotzheim. Da er zugleich Organist und Kirchenchorleiter an St. Martin in Stotzheim ist, kombiniert er immer stärker die beiden Chöre zu gemeinsamen Auftritten in der Kirche und außerhalb, auch bei geselligen Sängertreffen. Kooperation ist angesagt, nicht nur mit dem Kirchenchor. 1966 besuchen die Sänger mehrere Proben in Euskirchen mit anderen Chören unter Leitung von Musikdirektor Kluck zur Vorbereitung eines Sängerfestes in Münstereifel. 1968 versucht man sogar eine Art „Befreiungsschlag" aus der Stotzheimer Enge und geht probeweise mit Männerchören aus Flamersheim, Palmersheim und Großbüllesheim zusammen. Es kommt zu einem gemeinsamen Auftritt auf einem Sängerfest in Bliesheim, aber die Dirigenten vermögen sich auf die Dauer nicht zu einigen, und so löst man die Chor-AG nach drei Monaten wieder auf. Dies stürzt den Verein in eine neue Krise, einige Sänger gehen weiter nach Flamersheim, vier Monate finden keine Proben statt. Sie werden erst nach zweimaliger Einberufung der Mitgliederversammlung wieder aufgenommen, „unter dem Druck des Vorsitzenden Jakob Brücken dessen Bemühungen und uneigennützigem Einsatz wohl das Fortlebens des MGV Stotzheim zum größten Teil zu verdanken ist'  berichtet

erleichtert der Protokollant. Sieverings betreibt jetzt stärker die Zusammenarbeit mit dem Kirchenchor. Eine erste Frucht erntet er 1970 in einem erfolgreichen Konzert beider Chöre, zusammen mit dem Mandolinenorchester Kuchenheim. - Es ist übrigens für die Situation des großen Dorfes Stotzheim bezeichnend, dass es hier - bis heute - keine Instrumental-gruppe mehr gibt, mit der ein Chor bei einem Konzert oder einem Fest zusammen musizieren könnte.

Leider handelt es in den 60er und auch 70er Jahren etwas an ausführlicheren, erzählenden Niederschriften im Protokollbuch. So wissen wir nichts Genaueres über den Tagesausflug nach Bad Ems, den der Chor in der Krisenzeit

unternimmt. Hätten wir nicht die privaten Aufzeichnungen von Johannes Falkenstein, so gäbe es hier überhaupt nichts über diese Zeit zu erzählen. Dieser treue Sänger pflegte sich bei Proben auf winzigen Zetteln Notizen zu machen, die er in eine leere Streichholzschachtel steckte, mit nach Hause nahm und dort sorgfältig aufbewahrte.


Es geht wieder aufwärts

 

Nach genau 25 Jahren als Vorsitzender, 9 beim „Rütli 16 beim vereinigten MGV, gibt Jakob Brücker 1973 die Präsidentschaft in die Hände eines jungen Verwaltungsbeamten, des 36jährigen Josef Höller, gerade rechtzeitig, denn der hervorragende Politiker und Vereinsführer ist schwer krank und stirbt ein Jahr später, 66jährig. Besonderes Talent und die Berufstätigkeit Josef Höllers erklären zu einem großen Teil die zunehmend erfolgreiche Entwicklung, die der Verein in den nächsten 26 Jahren erfährt. Von Jahr zu Jahr vermehren sich die Auftritte des Chores. Er singt auf der Kreisgartenschau (15 Lieder), auf Sängerfesten, Goldhochzeiten, Vereinsjubiläen, bei der Fronleichnamsprozession, Allerheiligen, bei Beerdigungen. Höller setzt sich besonders für eine würdige Gestaltung des Volkstrauertages ein und schreibt dazu die Dorfvereine an. Ein großes Grundschulfest, ebenfalls mit Dorfvereinen, leitet er in die Wege.

Dass der Chor 1974 nur 21 Mitglieder zählt, entmutigt ihn nicht, sondern spornt ihn an, neue Mitglieder anzuwerben; natürlich helfen ihm Sangesbrüder dabei. Ende 1975 zählt der Verein schon 26 Aktive, im nächsten Jahr 30, 1979 sind es 33. Für die folgenden Jahre fehlen uns die Angaben. Aber 1983 sind es stolze 46! Da er zugleich Vorsitzender des Kirchenchors ist, kann er die Zusammenarbeit, die der Dirigent Sieverings bereits mit guten Erfolgen angebahnt hat, noch ausbauen. 1978 beginnen die Proben für die Deutsche Messe von Franz Schubert. Aber auch die geselligen Aktivitäten nehmen zu, und das Engagement des Chores ähnelt dem munteren Treiben in den goldenen „Frohsinn"-Zeiten: Beteiligung am Rosenmontagszug, Tanz in den Mai, „gemütliche Abende“, Liedvorträge auf Altentagen und Weihnachtsfeiern und anderes mehr. 1981 veranstaltet der Verein sogar eine Jugenddisko!

1977 organisiert er ein „Oktoberfest“ vor der Kirche mit Kirchenchor und Euskirchener Harmonieverein und sammelt dabei 3.000 DM für die Weltmission. Mitten in der Vorbereitungszeit für sein 100jähriges Jubiläum gelingt es 1978 dem Verein, vor 200 Gästen zum Schubert-Jahr ein Konzert in der neuen Schulturnhalle zu gestalten, unter Mithilfe von zwei Stotzheimer Berufsmusikern: Christa Zimmermann, Sopran, und Manfred Schümer, Klavier. „Es zeugte wohl von echtem Sängergeist wenn ein Sangesbruder seine Kegeltour unterbricht um am Konzert mitzuwirken, " hebt der Chronist lobend hervor.

 


Treffliche Mitstreiter

 

Man achtet verstärkt auf gute zwischenmenschliche Beziehungen unter den Sängern. 1977 schreibt Schriftführer Johannes Falkenstein: „Feierliche Anlässe bei Sangesbrüdern wie Kinderkommunion, Geburtstag, Hochzeit dürfen nicht vergessen werden." Und 1980: „Der Besuch der länger erkrankten Mitglieder soll unbedingt beibehalten werden, weshalb in den Gesangproben die Krankheitsfalle mitgeteilt werden sollen". Jetzt veranstaltet der Verein verstärkt auch Grillfeste, Wanderungen und Ausflüge, z.B. an die Ahr und nach Rüdesheim und unternimmt eine mehrtägige Fahrt nach Titisee (Schwarzwald). - Josef Höller stehen tatkräftige und kompetente Vorstandsmitglieder zur Seite. Zu nennen sind drunter anderen Kassierer Johann Knipp, Notenwart Willi Kurth, und der 2. Vorsitzende Willi Breuer. Zu würdigen sind auch die Verdienste, die sich Johannes Falkenstein als 2. Vorsitzender und als privater und offizieller Schriftführer erworben hat. Von 1981 bis 1990 packt Heinz Mertens beim Schriftverkehr kräftig mit an, verfasst ausführliche und reizvolle Vereinsberichte und fügt Zeitungsartikel hinein.


Glänzend jubiliert

 

Greifen wir noch ein besonderes Ereignis vom Ende der 70er Jahre heraus, das 100jährige Jubiläum des Männerchores, eine weitere Glanzleistung der Männer um Josef Höller und Hans Sieverings. Schon Jahre vorher hat man es klug planend ins Auge gefasst. Im März des Jubeljahres 1979 berichtet eine Tageszeitung, deren Vertreter in die Gesangprobe eingeladen worden ist, eingehend von den zu erwartenden Festlichkeiten und bildet die 100jährige Vereinsfahne ab. Vor 90 Gästen hält Hans Sieverings einen Dia-Vortrag über Alt-Stotzheim. Am „Tag des Liedes" im Mai nimmt der Vorsitzende in der Düsseldorfer Mercatorhalle die Zelter Plakette des Deutschen Sängerbundes entgegen. Der Verein bringt eine 92seitige Festschrift heraus; sie enthält ausführliche Berichte und Bilder aus der Vereinsgeschichte und Geschichtliches über Stotzheim von Michael Bädorf. Im August beginnen schon freitags die Festtage mit einem großen Kommers, in dem der Chor und Christa Zimmermann singen. Am Samstagabend wird im Festzelt getanzt, und am folgenden Morgen gestaltet der MGV im Verein mit dem Kirchenchor ein festliches Hochamt. Anschließend spielen zum Frühschoppen drei Musikgruppen auf, der Harmonieverein Euskirchen, das Tambourkorps Stotzheim und ein Bläserkorps aus Mechernich. Nachmittags geht es weiter mit einem Gutachtersingen, an dem sich 15 Chöre beteiligen, und der Tag klingt aus mit Tanz

und Tombola - Hauptpreis: 7 Tage Urlaub im Schwarzwald. - Die Leistungen von Dirigent und Chor bzw. Chören in diesen Jahren sind überhaupt erstaunlich. Von einem Jahr wird berichtet, dass der Dirigent Hans Sieverings im MGV 71mal zu Proben und Aufführungen antritt - und dass alles ehrenamtlich!

Auffallend ist in dieser Zeit die Freude am Tanzen. Man ist halt noch jung!

 


Sogar mit Kinderchor

 

Die Kölnische Rundschau berichtet über ein Konzert vom 30.10.1982: „Ausverkauftes Haus - das Publikum war vom Dargebotenen begeistert. Das Repertoire war überraschend weit gesteckt; reichte von Opernchören über Schuberts romantische Melodien bis hin zu deutschen und ausländischen Volksliedern, die Fahrtenlieder nicht zu vergessen. Riesenbelfall dann auch, als der MGV gemeinsam mit dem Kinderchor ein bergisches Volkslied sowie das Lied, Navajo' sang. "„beteiligt am Erfolg waren auch Manfred Schümer; Klavier, Walter Morschhäuser Bariton, Mecky Schäning, Trompete und das Mandolinenorchester Kuchenheim. Seinen ersten großen Aufritt als Solist hatte auch Josef Schmitz mit einem gelungenen Solopart im, Lied der Berge“.


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