Monatsbeiträge haben „Premiere“

 

Aber der schöne Schein trügt. Was ist mit der Kasse los? „Nie dagewesene Einnahme" heißt es im Dezember 1933, dagegen „scharrt“ einen Monat später „der Kassierer Peter Stolz „auf dem Boden“. Der Verein wird geschröpft, er muss ans „Winterhilfswerk" zahlen und Abgaben an den Sängerbund leisten und fordert deshalb zum ersten Mal in seiner Geschichte von seinen Mitgliedern Monatsbeiträge. „Infolge der ungünstigen Kassenlage" muss er auf den Fastnachtsball 1934 verzichten.

In der Generalversammlung betont der neue Schriftführer, „dass der Verein auf nationalem Boden von jeher aufgebaut und sich betätigt hat". Offensichtlich versucht er damit Zweifel -woher kommen die? - an der nationalsozialistischen „Rechtgläubigkeit" des Vereins zu zerstreuen. Ist gegen den Satz aus heutiger Sicht etwas einzuwenden? Wohl kaum. Auch nach dem 2. Weltkrieg pflegt der Verein überwiegend deutsches Liedgut. Und Europa ist immer noch das Europa der Vaterländer.

Als ein Vorstandsmitglied berichtet, dass in Zukunft alle Gesangvereine dem Deutschen Sängerbund angehören müssen, gibt es Beifall von der ganzen Versammlung. Aber dann kommt die kalte Dusche: „Bezüglich der Beitragspflichten sind alle Vertreter sehr enttäuscht worden. Der DSB hat beschlossen, von 0,71 Rmk (Arbeitslose) und 0,91 Rmk (werktätige Mitglieder) alle einheitlich auf 1,20 Rmk zu stufen, welches von der Versammlung mit großer Entrüstung aufgenommen wurde.

Aber es war Beschluss der obersten DSB-Führung." In der nächsten Zeile ist die Schrift blasser gemacht und mit folgendem Satz in dickerer Schrift überschrieben: „Wogegen ein Protest gar nichts nütze" Und da muss man dem unbekannten Schreiber leider Recht geben.

Die Stimmung ist miese. Das zeigt sich schon Ende 1933. Der Sängerstand beträgt zwar schöne 46 Mitglieder, aber die stehen nur auf dem Papier, und der Vorstand sieht sich zu energischen Disziplinierungen gezwungen: „Infolge des schlechten Probenbesuchs sah sich der Verein veranlasst, eine Versäumnisliste einzuführen, wobei bei unentschuldigtem Fehlen eine Strafe von 5 Pfg entrichtet werden muss.

Diese Gelder sollen zu Vergnügungszwecken verwandt werden. Infolge Abgabe an den Sängerbund war der Verein gezwungen, Monatsbeiträge einzuführen, die monatlich auf 15 Pfg pro Mitglied festgesetzt wurden. " Die Flaute prägt das ganze Jahr 1934: „Von einem diesjährigen Ausflug und Besuch eines Sängerfestes musste wegen der schlechten Finanzlage des Vereins und wegen mangelhaften Probenbesuchs Abstand genommen werden. "

 


Wieder neue Führung, aber altes Liedgut

 

Im Oktober geben die beiden Vorsitzenden ihr Amt auf, „wegen vielseitiger Inanspruchnahme". „Jetzt stand der Verein mit einem Male verwaist da. Nach vielem Hin und Her des amtierenden Vorstandes und einiger alter Mitglieder wurde beschlossen, nochmals an den Herrn Josef Regh heranzutreten. Am 10. November fand eine außerordentliche Mitgliederversammlung statt, die von unserem ehemaligen 2. Vorsitzenden Herrn Josef Regh eröffnet wurde. Darauf ergriff unser Schriftführer (...), (der auch dieses Protokoll unterschrieben hat) das Wort, welcher in kurzen und kernigen Worten nach den Bestimmungen unseres Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler den Herrn Josef Regh zum Vereinsführer bestimmte. Daraufhin ernannte er seine Mitarbeiter“. Josef Regh wird durch den „Ortsgruppenleiter" bestätigt.

Auffallend ist, dass sich unter den Liedern, die Dirigent Lorenz Fritz bis Ende 1937 auswählt, kein nationalsozialistisches findet: Mailieder, „Der Rheinglaube", „Eine Wiese voller Margeriten", „Die drei Zigeuner“, „Die Waldquelle", „Das alte Mütterchen“, „Sternennacht", „Die Auserwählte“. Ähnliches galt ja schon bei der Auswahl der Theaterstücke. Ende 1935 berichtet der Chronist Hermann Hoesgen vom „großen Verlust an Sängern", den der Verein in den Sommermonaten erlitten hat, und er trägt die Protokolle der beiden folgenden Jahre nicht mehr in das Protokollbuch ein; das holt im November  1947 Matthias Willems nach.


Erster Zusammenschluss

 

Willems schreibt für das 'Jahr 1937 unter anderem: „Am 5 März haben sich die beiden Vereine, Frohsinn' und `Rütli` beiden Vereine zu einem Verein zusammengeschlossen. Nach eingehender Rücksprache mit den beiden Vorständen wurde das gesamte Vermögen der beiden Vereine zusammengeschlossen. Die Anschrift lautet’, MGV Frohsinn- Rütli` Als Vereinsführer wurde Herr Ludwig Schmitz von den beiden Vereinen vorgeschlagen. Es fällt auf, dass nur der Führer des neuen Vereins vom MGV „Rütli" stammt, den er von der Gründung (1924) an dirigierte. Die anderen Vorstandsmitglieder und der Dirigent sind Leute vom „Frohsinn"-Vorstand.

Über die Jahre 1938/39 schweigt das Protokollbuch. 1939 stirbt der langjährige „Frohsinn"-Dirigent Lorenz Fritz. Dann bricht der 2.Weltkrieg herein. In den ersten siegreichen Jahren des Krieges singen die uniformierten Männer auf den Straßen im Gleichschritt einstimmige Marschlieder, z.B „Rosemarie", „O du schöner Westerwald" oder das Lied mit dem großmäuligen bzw. größenwahnsinnigen Refrain: „Und heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt". Nach Stalingrad lässt dieses Singen nach. Auch den Zivilisten ist das Singen in den Bombennächten vergangen.


Totengedenken

 

Viele Chorsänger kehren nicht mehr nach Hause zurück. Im Gegensatz zurzeit nach dem 1. Weltkrieg gedenkt niemand im Protokollbuch der Gefallenen. Im Übrigen haben die Schriftführer zu allen Vereinszeiten der Verstorbenen gedacht, freilich in unterschiedlichen Wendungen. Vor dem ersten Weltkrieg heißt es etwa: „Von Gott ins bessere Jenseits abberufen", und immer mit dem Schlusssatz „Ehre seinem Andenken!" Danach fallen die Todesanzeigen nüchterner aus. Am Grabe aktiver Sänger trägt man passende Chorlieder vor. Für Ehrenmitglieder gibt es Fahnenabordnungen. Fast jedes Jahr singt der Chor am Ehrenmal und Allerheiligen auf dem Friedhof. -Jetzt aber liegt eine Art Lähmung über den Gemütern. Es ist nicht mehr wie nach dem ersten Weltkrieg möglich, dem großen Sterben einen positiven Sinn zu geben.


Neue Kräfte regen sich

 

1945 herrschen verworrene Verhältnisse, auch in der Vereinsszene. Die „Maggelzeit" beginnt und der Kampf um Nahrung und ein Dach über dem Kopf. „Rütli" scheint schon im März 1946 wieder rege geworden zu sein unter dem Präsidenten Ludwig Schmitz. Aber gab es nicht vor dem Krieg nur noch einen vereinten MGV in Stotzheim? Egal - „Rütli" besucht erste Sängerfeste in der näheren Umgebung und tritt im gleichen Jahr unter Leitung des neuen Dirigenten Richard Schorr auf einem Stotzheimer Bunten Abend auf.

Frohsinn“ wacht ein Jahr später auf und beginnt 1947 im Protokollbuch mit einem Bericht von Matthias Willems über eine Generalversammlung am 18. Januar. Der Vorkriegs-Theaterregisseur Wilhelm Metz leitet die Versammlung, als habe es die Vereinigung unter Ludwig Schmitz nie gegeben. Der „Frohsinn“ scheint die gemeinsame Kasse aus der Vorkriegszeit zu besitzen, der Kassierer Peter Stolz ist der gleiche wie vor 10 Jahren. Von einem Dirigenten ist nicht die Rede. Aber es dürfte Josef Kader gewesen sein. Er leitet dann den Chor bis zu seinem Tode im Jahre 1955. Man möchte es kaum glauben, aber am Ende des Jahres 1947 zählt der Schriftführer 52 aktive Sänger! Es muss einen regelrechten Hunger nach Chorgesang und nach der Geselligkeit eines Vereins gegeben haben.


Vereinsehe wieder geschieden

 

Die unklaren Beziehungen zwischen den beiden Männerchören, gerade auch was die Kasse betrifft, müssen zum Bruch führen – in der Zeit der Generalversammlung von 1949 kündigt er sich deutlich spürbar an, auch wenn man nur ahnen kann, was sich an Streitereien hinter den Kulissen abgespielt hat. In einer „Frohsinn"-Versammlung stimmen 45 von 47 Sänger für eine Trennung vom „Rütli". Damit ist die Vereinsehe, die wohl kaum je richtig „vollzogen“ wurde, im März 1949 von Seiten des „Frohsinn“ aufgekündigt. „Rütli" dürfte bald nachgezogen haben. Dass keine unversöhnliche Bitterkeit zurückbleibt, zeigt sich beim 25jährigen Jubiläum des „Rütli" noch im gleichen Jahr; da tritt der „Frohsinn“ mit 50 Sängern an, um dem Konkurrenten zu gratulieren.

 


Nachholbedarf

 

In der nächsten Zeit blüht der „Frohsinn“ richtig auf. Der Kirmesball findet zum ersten Mal in der Turnhalle an der Selmenstrasse statt und bringt eine „Rekordeinnahme". Die Sänger haben nach dem Krieg einen vielfältigen Nachholbedarf, auch im Alkoholkonsum. So lesen wir im Bericht über 1949: „Unser diesjähriger Familienabend wurde etwas anders aufgezogen, denn er sollte in Roitzheim bei unserem Sangesbruder Josef Bürger im Lokal Beuel stattfinden. (...) fast alle Mitglieder waren mit ihren Angehörigen erschienen. Bei Kaffee und Kuchen, bei Tanz und Bier war recht bald die notwendige Stimmung vorhanden. Auch unser Liederschrank wurde geöffnet, und unser Vortrag lockte noch einige Außenstehende an, die sich dann gemeinsam mit uns freuten. Das Ganze war wie eine Familie. Die Schnapspulle hielt auch des Öfteren ihren Rundgang, sie trug aber nicht ganz dazu bei, die nötige Spülung der Sängerkehlen vorzunehmen. So half jeder noch etwas nach, bis es dann langsam anfing zu flimmern. Und wie es auch sein mag, wenn es am schönsten wird dann ist es die Uhr, die den Strich zieht; und so wurde denn auch in reichlich vorgerückter Stunde der Abend dem Ende zugeführt und der Heimweg angetreten. Wenn auch ziemlich zerstreut und nachschleppend, denn einige mussten sich unterwegs auf der flachen Straße etwas verschnaufen. Aber genau weiß ich, dass am Morgen um 6 Uhr alles wohlbehalten und ohne nennenswerte Vorfälle zu Hause war. "

 


Großer Erfolg - trotz Fußballkonkurrenz

 

Man reist zu Sängerfesten, singt auf Flüchtlingsabenden und zum 1. Mai, veranstaltet zusammen mit dem Sportverein Fastnachts- und Kirmesbälle, spielt jedes Jahr Theater. Und dies muntere Treiben gipfelt in den Feiern zum 75-jährigen Bestehen des „Frohsinn“ 1954.

„Der 4. Juli war ein schöner sommerlicher Tag und begann mit dem Festgottesdienst. (...) Durch das schön geschmückte Dorf bewegte sich ein imposanter Festzug, an dem die Jubilare besonderen Anteil hatten. Durch Bereitstellung zweier Kutschen war es ihnen möglich, an dem schönen Zug teilzunehmen. " Vom Freundschaftssingen heißt es: „Gar manch altvertrautes Lied wurde durch großen Beifall belohnt. Während des Singens wurde das große Spiel um die Weltmeisterschaft im Fußball durch den Fernsehfunk übertragen.

Trotzdem war der Saal von den Sängern und Gönnern des freien deutschen Liedes gedrängt voll."


...“schätzen ein schönes Lied nicht mehr“

 

Im folgenden Jahr wird der Dirigent Josef Kader krank und stirbt. Matthias Tharr tritt an seine Stelle, ein guter Instrumentalist aus Stotzheim, der Musik beruflich betreibt und die einzelnen Chorstimmen mit der Geige vorspielt. Die Stimmung im Chor aber sinkt deutlich ab. Schriftführer Josef Flink schließt das Jahr 1955 mit einer wehmütigen Betrachtung: „So hat das letzte Vereinsjahr einen traurigen Abschluss. Trotzdem hoffen wir, dass dies uns nicht verzagen lässt, auch wenn unserem Vereinsleben viele Gefahren durch modernen Zeitgeist, Fortschritt und Technik drohen. Die richtige Gemütlichkeit im Sangesleben droht zu schwinden. Viele sind zu bequem geworden, viele schätzen ein schönes Lied nicht mehr. Können wir all dem wehren?" Aber er will die Vereinsfahne nicht sinken lassen: „Halten wir das Erbe unserer Väter hoch und in Ehren! Wir haben es in der Hand!"


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