An jedem zweiten Weihnachtstag

 

Und noch ein anderer Punkt macht klar, dass der „Frohsinn“ nicht so leicht aufgibt: das Theaterspielen. Historisch gesehen, kam es ja vor dem Singen. Und nach der Entscheidung für das Chorsingen gilt: „Bei der Förderung und Pflege des Gesanges wurde aber auch die erste Bestimmung des Vereins, nämlich das Theater, nicht vernachlässigt; sondern durch den langjährigen, unermüdlichen Leiter desselben, Herrn Matthias Hennemann, zu recht hoher Blüte gebracht: alljährlich gelangte ein größeres hervorragendes Bühnenwerk zur Aufführung, welches jedes Mal zahlreiche Besucher von Nah und Fern anzog. " So schreibt Dirigent Johann Mauel in seinem Rückblick: Auch hier garantiert eine starke Persönlichkeit Kontinuität und fruchtbare Kulturarbeit: Matthias Hennemann, und das über 50 Jahre lang!

Nach der Unterbrechung durch den 1. Weltkrieg besinnt man sich erneut auf diese Seite des Vereins, auch aus finanziellen Gründen, waren die Schauspieler doch gewohnt, dem Verein ein „volles Haus“ zu verschaffen, im Gegensatz zu manchen Karnevals- und Kirmesbällen, die oft ein Verlustgeschäft sind. Das letzte Mal hat der Verein vor 12 Jahren gespielt. Aber ab jetzt,1924, heißt es am 2.Weihnachtstag jeden Jahres: „Stiftungsfest" mit Theater und Ball -mit nur wenigen Ausnahmen; jedenfalls fehlen in den Protokollbüchern nur das Jahr 1938 und die folgende Kriegszeit. Nach dem Krieg lässt allerdings der Schwung nach; in den 50er Jahren gibt es nur 4 Aufführungen, die letzte im Jahr 1957. Auch auf diesem Gebiet bildet „Rütlı“` eine deutliche Konkurrenz. Während uns aber vom „Frohsinn“ wenigstens die Titel der Stücke in den Protokollbüchern überliefert sind, wissen wir vom „Rütli"-Theater, über das Was, das Wann und das Wo so gut wie gar nichts. Gewiss ist nur, dass es der MGV „Rütli“ war, der die Geschichte von Thomas Esser „Der Klostermüller von Stotzheim“ aufführte,nachdem Jakob Brücker sie zum Theaterstück umgeformt hatte.

Auch über die „Frohsinn"-Stücke ist nichts Genaueres zu erfahren. In ganz Stotzheim ist kein einziges Rollenbuch mehr aufzutreiben außer „Des Glockentürmers Töchterlein", dem einzigen Stück, das beim Stotzheimer Publikum durchgefallen ist. Das Protokoll nennt als erstes das Stück „Der Graf von Monte Christo“, das wohl auf den Erfolgsroman von A.Dumas zurückgeht. Bekannt, wenigstens dem Namen nach, ist heute noch Carl Maria von Webers Oper „Preciosa“ von 1821, die sich aber auf den Opernbühnen nicht durchgesetzt hat. - Im Jahr von Hitlers Machtergreifung (1933) entscheidet sich der neue Vorstand für ein ernstes Kriegsstück: „Verdun". Es kann nicht nach dem berühmten gleichnamigen Buch des Niederkastenholzer Schriftstellers Peter Ettighoffer verfasst sein, denn das erschien erst 1936. Bei den anderen Stücken, die heute kein Theaterfachmann mehr kennt, handelt es sich um Lustspiele, Rührstücke wie z.B. „Der Dornenkranz einer Mutter“ von Willi Webels und um Operetten. Bei anderen stellen sich uns drei Fragen: Wer sang die Solopartien? Wer spielte die Musik dazu? Mit welchen Instrumenten? Es scheint in manchen Jahren zwei Musikkapellen gegeben zu haben, deren Leiter Schorn und Tharr hießen. Hennemann 1860-1940 Schriftführer, über 50 Jahre Theaterleiter.

Nach der Vereinigung der beiden Männerchöre haben sich die Sänger nur noch ein einziges Mal, am 2. Weihnachtstag des gleichen Jahres 1957, zum Schauspielen zusammengefunden und den „Müller vom Eichengrund“ aufgeführt. Dann fällt der Vorhang endgültig. Schade - damit hat Stotzheim ein liebenswürdiges Stück blühender Dorfkultur verloren. Vielen anderen Dörfern erging es mit ihren Theatervereinen genauso, mit zwei Ausnahmen in unserer Region: Nemmenich und

Bliesheim (2004: acht ausverkaufte Aufführungen).


Mit Familie und Musik

 

Vom Gründungstag bis heute hat der MGV Geselligkeit ganz groß auf seine Fahne geschrieben. Aus schlichten Anfängen im 19. Jahrhundert steigerte sie sich in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts zu mehrtägigen Fahrten in entferntere Regionen Deutschlands und ins nahe Ausland. „Am 3. Juli 1909 wurde ein Ausflug der aktiven, inaktiven und Ehrenmitglieder mit Familie und Musik nach dem Rheinbacher Waldhotel gemacht. Den Mitgliedern wurde freie Fahrt aus der Vereinskasse bewilligt. Der Heimweg wurde zu Fuß durch den Rheinbacher Wald auf Schweinheım, Flamersheim, Niederkastenholz, Stotzheim genommen. Einer der schönsten Ausflüge, die der MGV „Frohsinn " je unternommen." - Diese etwas nüchtern klingenden Sätze bilden den einzigen Ausflugsbericht aus den ersten 35 Jahren des Vereins. Da fahren die Sänger und ihre Gäste, sicher alles Sympathisanten, gemütlich am eher späten Vormittag, wohl nach dem „Hochamt“, vom Bahnhof Stotzheim bis Euskirchen, dort steigen sie um in den Zug Richtung Bonn, den sie dann in Rheinbach wieder verlassen. Im Zug hat man Zeit, einander ausführlich zu begrüßen, die Kinder sind nicht auf den Sitzen festgenagelt (wie später im Auto), man erzählt sich Neuigkeiten, Witzbolde lockern die Stimmung weiter auf und sorgen für die ersten Lacher und – die Musik ist dabei, wahrscheinlich die „Quetsch“, die Ziehharmonika, auf die einmal ein Loblied zu singen wäre, gerade in unserem glorreichen Zeitalter des Walkmans, der Knöpfe im Ohr, der Dauerberieselung. Manche Spieler haben sich damals die Töne ohne Lehrer selbst beigebracht. Wenn sie eine Melodie anstimmen, die alle kennen, singen alle mit. - Noch Jahrzehnte später werden Matthias Schreiner und Ernst Eckhardt bei Fahrten undgeselligen Feiern mit dem Akkordeon aufspielen. In Rheinbach isst man vornehm und ausgiebig zu Mittag, und dann treten alle gemeinsam den Heimweg an, ca. 14 km zu Fuß. Zu Hause treffen sie dann so früh ein, dass die müden Kinder rechtszeitig ins Bett kommen.

 

 


Langsam aus der Flaute

 

Dieser Sieg aber ändert nichts an den wirtschaftlichen Verhältnissen. 1927 schreibt Hubert Josef Rick: „Aus wirtschaftlichen und Finanziellen Gründen musste in diesem Jahr von einem Ausflug in die Ferne Abstand genommen werden. Es wurde ein gemeinschaftlicher Spaziergang durch die Hardt gemacht. Unsere Sangesbrüder aus Kreuz-Weingarten, welche in ihrem Distrikt die Führung übernehmen wollten, konnten leider durch zu starken Fremdenandrang im genannten Orte nicht durchkommen." Der Schriftführer lässt sich seinen Humor nicht nehmen. Als ob die Stotzheimer in ihrem Hardtwald eine Führung nötig gehabt hätten! Vermutlich hat es in Kreuzweingarten ein vielbesuchtes Fest gegeben und die Sänger sind am Bierstand hängen geblieben. Aber das deutet Rick nur „durch die Blume" an.

 Die wirtschaftliche Lage bessert sich 1929. So kann der Verein sein 50jähriges Bestehen feiern - in gewohnter alter Pracht: „Die Bewohner des Ortes werden freundlich gebeten, die Häuser zu beflaggen" heißt es in einer Volksblatt-Werbeanzeige. Zwar verläuft der Fastnachtsball „wieder mit einem kläglichen Defizit", aber dafür gelingt der Festkommers gut und bringt wohl auch von offizieller und privater Seite Geldgeschenke ein. Der Bericht vom Jahresende, das man alljährlich in geselliger Vereinsrunde feiert, klingt ganz munter: „Am Silvesterabend galt es für die Sänger, sich für die aufopfernde Tätigkeit im verflossenem Jahre etwas zu erholen. Es war deshalb das Fass etwas größer, die Wurst etwas länger und der Humor etwas gewürzter. Es zeigte sich, dass wir den Namen ,Frohsinn“ zu Recht führen. So möge es auch fortan bleiben." 1930 macht eine „ansehnliche“ Spende des ortsansässigen Fabrikanten Halstrick einen Ausflug mit Bussen zur Ahr möglich.


Gleichschaltung

 

Es läuft eigentlich gut an, das Jahr 1933. Reibungslos wechselt der Vorsilz vom „allverehrten“ Johann Bürger, der dann zum Ehrenpräsidenten ernannt wird, zu Josef Regh, die Männer singen den Mai an und sitzen anschließend „noch einige frohe und gemütliche Stunden zusammen.man tritt auf beim 50jährigen Jubelfest in Palmersheim, feiert mit dem „Brudenierein Kirchenchor Cäcilia“ und überreicht ihm dazu einen „Ehrennagel für seine Fahne“, und der Kirmesball hat „einen guten Verlauf", die Kasse scheint also auch zu stimmen.

Dann kommt der „Knall". „Am 13. September wurde in unserem Verein die Gleichschaltung vorgenommen" vermerkt kurz und trocken der Schriftführer H. Hoesgen. Dann folgt die Überschrift „Nachtrag des neuen Vorstandes" und darunter eine Erklärung: „Auf Grund Verfügung der nationalen Regierung wurde am 16. September die Gleichschaltung in unserem Vereine durchgeführt. Laut Bestimmung dieser Verfügung besteht künftighin der Vorstand eines jeden Vereins aus 51% Mitgliedern der nationalen Bewegung und deren Unterorganisationen; Präsident Kassierer, Schriftführer, stellvertretender Vorsitzender und Kunstwart. " (__.) Ein Vorschlag unseres (neuen) Präsidenten, die beiden MG V Frohsinn' und, Rütli' zu einem Verein zu verschmelzen, ist leider gescheitert. "


„Ein Heldenstück vom deutschen Soldaten"

 

Der Schlusssatz verrät, dass die Sänger dem allerneuesten Vorstand nicht aus der Hand fressen. Nachdem sie Anfang des Jahres einen neuen Vorstand gewählt haben, wird ihnen also dieser neue mit seiner Mehrheit der „nationalen Bewegung" regelrecht aufgezwungen. Dabei erfahren wir nicht einmal, wer den neuen Präsidenten - später heißt er „Vereinsführer“ - „ernannt“ hat. In den folgenden Monaten wird der Verein fest in die neue braune Festordnung eingespannt, und er singt zum Erntedankfest, zur Hindenburgfeier und zum Handwerkertag. Dem „Deutschen und Rheinischen Sängerbund" schließt er sich an. Am Ende des Jahres gibt es einen Höhepunkt im Protokoll: „Zur Aufführung gelangte das hochdramatische Schauspiel, Verdun` ein Heldenstück vom deutschen Soldaten. Trotz der kurzen Proben, die durch ursprüngliches Verbot jeglicher Weihnachtsaufführung unterbrochen wurden, konnte das Stück noch mustergültig vorgetragen werden. Der Saal warbis auf den letzten Platz besetzt, und es war eine noch nie dagewesene Einnahme zu verzeichnen, von der der Verein 35 Mark an Wohltätigkeitszwecke (Winterhilfswerk) abführte."


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