Hohe Ideale

 

In den Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg herrscht in unserer Heimat ein lebhaftes Vereinsleben, gerade auch im Bereich der Männerchöre. Jedes Jahr gibt es Einladungen zu Sängerfesten, heute „Freundschaftssingen“ genannt. Dazu müssen die Sänger. in der heimatlichen Region meist nicht die Eisenbahn benutzen, sondern nur die eigenen Füße, oder sie fahren mit Pferdewagen. Sie singen in Hoven, Euskirchen, Münstereifel, Euenheim, Flamersheim, Kuchenheim und Eiservey.Worum geht es ihnen dabei? Auffallend ist, dass die Freude am Singen überhaupt nicht erwähnt wird, sie ist selbstverständlich. Sie wächst damals auf einem guten Nährboden.In der Familie, in der Schule und in der Kirche lernt man Wander-, Heimat-, Liebes-, Kriegs-und Kirchenlieder. Von diesem einstimmigen Gemeinschaftslied ist der Sprung zum mehrstimmigen Chorlied nicht sehr weit. Manche spielen ein Instrument: Mundharmonika, Ziehharmonika, Mandoline, Zither oder Geige, auch in einer Kapelle. Es ist auch typisch, dass Joseph Pesch in seinem 1901 erschienenen Buch über die Vordereifel einen großen Anhang mit Wanderliedern hat. Natürlich wollen die Sänger Erfolg haben, gut beim Publikum ankommen, aber auch etwas für das Ansehen des Dorfes tun, als dessen Repräsentanten sie sich mit Recht fühlen. Außerdem sind die Sängerfeste für die jüngeren unter ihnen, und deren gibt es in jedem Chor beneidenswert viele, ein Heiratsmarkt. Auf den abendlichen Bällen erscheinen die jungen Mädchen des Dorfes, da kann man sich mal unverbindlich umschauen. In den Protokollen steht darüber nichts, hier ist eher von Idealen und Werten die Rede: „sittlich-religiöser und patriotischer Geist", rheinische Heimat - dafür will man sich einsetzen. Ja sogar die „Bildung“ der Mitglieder hat der Verein auf seine Fahnen geschrieben, wobei offenbleibt, was er damit meint - musikalische? literarische? sittliche?

 

 


Nation, Dorfgemeinschaft, Verein

1906 richtet der „Frohsinn“ seinen ersten „Nationalen Gesangwettstreit“ aus: „Was gemeinsames Arbeiten und Liebe zum hehren Gesangsport vermögen, zeigte am gestrigen Tage der Ort Stotzheim. An vielen Stellen grüßten Triumphbogen den zuströmenden Gästen ein Wilkommen entgegen. Der ganze Ort prangte im schönsten Festtagskleid überall Fahnen und Girlanden schmück, überall freundliche Begrüßung, überall Sorge für die Annehmlichkeiten der fremden Gäste. Bei solch gastlichen Leuten kehrt man gerne ein " „Zahlreich waren die Vereine von nah und fern dem Rufe gefolgt um im friedlichen Wettkampfe um die Palme des. Sieges zu ringen. Gegen 11 Uhr begann die Aufstellung des Festzuges durch die Festkommission am Bahnhofe, und um 12 Uhr bewegte sich ein stattlicher Festzug, in welchem wir über 25 Fahnen zählten, durch die festlich mit Triumphbogen, Kränzen und Fahnen geschmückten Straßen des Ortes dem Kirchplatze zu, wo der feierliche Akt der Enthüllung des neuen Vereinsbanners erfolgte durch Herrn Bürgermeister Kaumanns aus Kuchenheim. Nach Absingung des Begrüßungs-Chores des gastgebenden Vereins hielt der Präsident desselben, Herr Matthias Neuburg, eine kernige Ansprache und bat den Herrn Bürgermeister, die Enthüllung der Vereinsfahne vorzunehmen. Herr Bürgermeister Kaumanns betrat das Podium und sprach, anknüpfend an die Worte des Vorredners über den Männergesang im Allgemeinen und enthüllte das neue Vereinsbanner. Er begrüßte die vielen fremden Sänger; welche im friedlichen Kampfe zum hiesigen Sängerwettstreite gekommen seien, und feierte in markigen Worten unseren erlauchten und erhabenen Kaiser, welcher stets ein Beschirmer des Männergesanges, doch speziell des deutschen Volksliedes. Seine Ansprache endete in ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Se. Majestät Kaiser Willhelm II., worauf von der ganzen Sängerschar die Nationalhymne gesungen wurde. " (Euskirchener Volkszeitung) - Ein rauschhaftes Wir Gefühl, wie man es heute vielleicht nur noch in Rockkonzerten oder bei Fußball-Siegesfeiern erleben kann, zusammen mit dem Bewusstsein des eigenen Wertes, verbindet die Menschen des ganzen Dorfes und treibt sie zu Höchstleistungen an.

 

 


Brausendes Bravo und Damenrede

 

Wie die Männer vom „Frohsinn“ Feste feiern können und den Dreiklang „Vaterland, Verein, Gesang" ertönen lassen, zeigt sich auch bei der Einführung des neuen Vorsitzenden im Jahr 1911: Es waren eingeladen die aktiven, die Ehren- und inaktiven Mitglieder nebst Familie: „Diese Einführung gestaltete sich zu einem wahren Freudenfeste des Vereins. Unter einem schneidigen Marsch von der Kapelle Schorn unter Leitung ihres Dirigenten Herrn Adam Schorn wurde der neue Präsident durch unseren Herrn Dirigenten Johann Mauel in unseren Verein eingeführt, allseits begrüßt von den anwesenden Gästen. Dann nahm als erster Redner unser II. Vorsitzender Johann Bürger das Wort, indem er in packenden Worten dem neuen Präsidenten die Geschichte des Vereins entwickelte und seiner sowie des Vereins Freude Ausdruck verlieh, dass Herr Ewald sich herbeigelassen habe, als Präsident unserem Vereine beizustehen, dies zeuge von großer Sympathie und Liebe zu dem MGV„Frohsinn ". Nachdem Herr Bürger dem Herrn Präsidenten die Vorstandsmitglieder vorgestellt; nahm als zweiter Redner unser Dirigent Johann Mauel das Wort. Zuerst gedachte er mit warmen Worten der Tätigkeit unseres verstorbenen Präsidenten, Herrn Matthias Neuburg, welche er in seiner 25jährigen Präsidentschaft gezeigt hat; ihm zu Ehren wurde von den Sängern das mehrstimmige Lied „Stumm schläft der Sänger" vorgetragen.

Dann nahm unser Dirigent wieder das Wort und ermahnte die Mitglieder, die Liebe und Treue, welche sie dem früheren Präsidenten zugewandt; auch auf den jetzigen zu übertragen. Aber nicht sollte diese Liebe eine äußerliche sein, nein, es sollte zu einer innerlichen, herzlichen Liebe sich ausbauen, denn das sei für die heutige Zeit das Notwendigste.

Unser jetziger Präsident gebe uns ja auch hier das schönste Beispiel Er wies auf die Gefahren, welche unser Präsident auf den Schlachtfeldern 1870-71 bei Gravelotte und St. Privat in Frankreich bekundet wie er, als Unteroffizier beim Garde-Alexander-Regiment; wo seine Führer kopflos waren, das Kommando übernahm und „Zum Sturm! Auf/Marsch, Marsch! " kommandierte und so durch sein Auftreten viele seiner Kameraden vom Tode errettete und auch einen glänzenden Sieg für unser deutsches Vaterland herbeiführte. Durch dieses Auftreten unseres Präsidenten als jungen Soldaten wurde ihm vom deutschen Kaiser das Eiserne Kreuz und vom russischen Kaiser der Georgs Orden verliehen, welchen unser Präsident stolz bewusst und ehrenvoll an seiner Brust tragen darf. Jetzt nahm Herr Ewald das Wort; dankte recht herzlich für diese Ehrungen, welche der Verein ihm bezeige, und versprach, dem MGV „Frohsinn" ein liebevoller und tüchtiger Vorsitzender zu sein, welches mit einem brausenden Bravo aufgenommen wurde. Unser Ehrenmitglied Engelbert Neuburg ehrte die Damen, welche es sich nicht hatten nehmen lassen, an dieser so schönen Feier zu erscheinen, mit einer gewürzten Rede, wobei er reichen Beifall erntete. Jetzt wechselten Musik, Gesang und humoristische Vorträge miteinander ab. Selbst die junge Welt Damen und Herren, kam zu ihrem Genuss) indem noch ein kleines Tänzchen gehalten wurde. Nach vorgerückter Stunde wurde diese so schöne Feier geschlossen. "

 Es wird deutlich, wie das Militär das öffentliche Bild prägt. Fast nur soldatische Leistungen empfehlen den neuen Vorsitzenden; hingegen hält der Schriftführer es nicht für nötig, uns dessen Beruf und Lebensumstände mitzuteilen. Er wird zwar nicht gerade mit militärischen Ehren, aber mit einem Militärmarsch begrüßt. Einen interessanten Gegensatz dazu bildet das Betonen emotionaler Werte wie „Sympathie“ und „innerliche, herzliche Liebe".

 Könnte man sich das heutzutage in einer Festrede vorstellen? Zugleich erhält die ganze Versammlung einen Hauch von Vornehmheit; es geht zu wie auf einer Feier in akademischen Kreisen, etwa einer Studentenverbindung. Dazu zählt auch die sogenannte „Damenrede". Man spürt zwischen den Zeilen: Alle fühlen sich durch die Präsidentschaft des dekorierten ehemaligen Offiziers ungemein aufgewertet. Und wer will das den Stotzheimer Arbeitern, Handwerkern, Gewerbetreibenden, Bauern und Beamten verdenken?!

 


Weltkrieg und weitere schwere Zeiten

 

Die ganze Sängerherrlichkeit endet jäh mit dem 1. Weltkrieg. Die Männer sind fast alle noch so jung, dass nur 10 zu Hause bleiben können, aber 32 zum Militärdienst eingezogen, „zur Fahne gerufen“ werden, wie Schriftführer Matthias Hennemann schreibt, „um für unser liebes Vaterland zu kämpfen und Hausund Hof zu schützen". Damit folgt er der allgemeinen Sprachregelung, weil er - wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen – fest von der guten Sache auf deutscher Seite überzeugt ist. Der Patriotismus der Männerchöre wie der Studentenvereinigungen geht nahtlos über in den Kampfrausch, in dem die jungen deutschen Männer bei Langemarck singend (!) in den Tod rennen. Dass sie in Frankreich und Russland auf fremdem Territorium kämpfen, dass also eher ihre Feinde „Haus und Hof schützen" müssen, bedenkt in der Heimat kaum jemand. Was die Soldaten in den Schützengräben denken, steht auf einem anderen Blatt. Nach sechs chorliedlosen Jahren scheint der alte Schwung gebrochen zu sein. Das Jahr der Inflation, 1920, machte das schöne, mühsam zusammengetragene Vereinsvermögen (1912 betrug es 4.745 stolze „Goldmark") zunichte. In dieser Krisenzeit des „Frohsinn“ beschließen 24 Stotzheimer, den MGV „Rütli" zu gründen


Eine starke Persönlichkeit

 

Aber der „Frohsinn“ lässt sich so leicht nicht unterkriegen. Er steht treu zu seinem Dirigenten Lorenz Fritz, einem Niederkastenholzer, der seit dem Tode des ersten Dirigenten Johann Mauel (1915) den Chor führt. Immer wieder drückt der Schriftführer seine Verehrung für ihn aus: „Im allgemeinen Wirtschaftsleben war das verflossene Jahr (1929) ein Jahr der Unglücke und Katastrophen. Auch in unserem Verein wurden in den Reihen der 5anger große Lücken geschlagen. Sehr viele treue Sangesbrüder wurden aus verschiedenen Gründen dem Verein entrissen. Die Proben wurden oft schlecht besucht welches zur Folge hatte, dass wir mit unseren Leistungen etwas zurückblieben. Am peinlichsten ist dies natürlich für unseren Dirigenten zu empfinden, und wäre seine aufopfernde Tätigkeit für den Verein nicht so tief gewurzelt gewesen, würde er uns ganz sicher oft mutlos verlassen haben. " Es muss eine überragende Persönlichkeit gewesen sein, von Beruf Bauer, zugleich Küster in Niederkastenholz, Chorleiter in Flamersheim und tatkräftiges Mitglied des dortigen Kirchenvorstandes. Er leitet den „Frohsinn“ -ehrenamtlich natürlich! - bis kurz vor seinem Tod im Alter von 72 Jahren.

 


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