Rechter ton und rechtesWort


Kleine Mogelei

Im Jahre 1879 wurde in Stotzheim ein neuer Verein gegründet. Darüber haben wir zwar keine Urkunde und kein Protokoll, aber immerhin den rückblickenden Bericht seines ersten Dirigenten, Johann Mauel - ohne Angabe eines Datums, vermutlich um 1905 anhand von älteren Aufzeichnungen geschrieben. Er beginnt mit gereimten Sprüchen und in einer gehobenen, fast feierlichen Sprache:

„Rechter Ton und echtes Wort Sei des deutschen Sängers Hort '

Wie nach hartem, strengem Winter warmer Sonnenstrahl und milde Frühlingsluft in Berg, Tal Wald und Feld junges Grün und farbenprächtige Blumen hervorzaubert, so zog nach dem schweren, blutigen und doch auch wie der befreienden Kriege von 1870-71 ein frischer, alles begebender Geist durch die deutschen Lande bei dem deutschen Volke brach ein nie geahnter Geistes-Frühling an, allerorten entstanden Werke der Kunst und Tausend fleißige Hände regen, Helfen sich in munterem Bund. Und in feurigem Bewegen.Werden alle Kräfte kund. '

In dieser Zeit des Schaffens und Werdens entstand auch unser Männergesangverein ".

Der letzte Satz stimmt nicht ganz. 1879 wurde kein Männergesangverein gegründet. Mauel schreibt nämlich weiter: „Es war im Winter des Jahres 1878; als die Herren Bernard Liebertz und Franz Hesse den Entschluss fassten, einen Verein zu gründen mit dem Zweck, durch theatralische und humoristische Aufführungen den eigenen Mitgliedern wie auch anderen angenehme Stunden der Unterhaltung zu verschaffen. Der Reinertrag dieser Aufführungen sollte hauptsächlich zu guten Zwecken verwandt werden. Diesem Grundsatze ist der Verein im Laufe der Zeit auch treu geblieben und hat sein Wirken und Können gar manchmal in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt so des Öfteren für arme Kommunion-Kinder, für die Überschwemmten am Rhein, für Kirchenparamente, für das hiesige Kloster, und auch jetzt (Damit ist das große Vereinsfest von 1906 gemeint.) wieder soll der etwaige Reinertrag teilweise zu guten Zwecken verwandt werden."

 Es geht diesem neuen Verein also um Theater, Unterhaltendes, Schauspiele und „Bunte Abende mit lustigen Sketchen", würden wir heute sagen, und das zu wohltätigen und gemeinnützigen Zwecken, aber von Chorgesang und einem Dirigenten ist mit keinem Wort die Rede. - Die Gründung fällt in eine Zeit des großen wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland, der „Gründerjahre“. Zugleich herrscht nach dem Sieg über Frankreich eine selbstbewusst-nationale Stimmung, auch in Stotzheim, wie wir später noch deutlicher sehen werden.


Aus lauter Spaß am Chorgesang

 

Erst 13 Jahre nach der Gründung des Vereins, entdecken die Männer den Spaß am Chorgesang: Es „brach sich in den Reihen der Mitglieder immer mehr die Lust und Liebe zum Gesang Bahn“ schreibt Johann Mauel, „so, dass im Jahre 1892 auf Veranlassung des Präsidenten Matthias Neuburg und des Schriftführers des Vereins Matthias Hennemann, der Entschluss gefasst wurde, den mehrstimmigen Gesang einzuführen. Doch dazu bedurfte es eines erfahrenen Leiters. Dieser wurde bald gefunden in der Person des Herrn Mauel aus Niederkastenholz. Das Statut des Vereins wie auch der Name desselben, welcher bis dahin Gesellschaft „Frohsinn ” lautete, wurde umgeändert in Männergesangverein „Frohsinn". Im Lauf der Jahre fügte man dann nicht 1892 an, sondern 1879; und der „Frohsinn“ ist ja auch tatsächlich so alt.


„Rütli“, der zweite Stotzheimer MGV

 

Nun heißt aber der 125er-Jubilar des Jahres 2004 nicht mehr „Frohsinn", sondern nur noch „MGV Stotzheim“. Den aber gibt es erst seit 47 Jahren. Woran liegt das? Nun, im Jahre 1924 bekam der „Männergesangverein, Frohsinn'“ einen Konkurrenten, den „Männergesangverein, Rütli"`. Der Name knüpft an eine Szene aus Schillers „Wilhelm Tell" an; Schweizer Freiheitskämpfer schwören einen Bund mit den Worten: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!" So steht es auch auf der prächtigen Vereinsfahne. Im Jahr der Vereinsgründung jährt sich der Geburtstag des Dichters zum 175. mal. „Rütli" knüpft also nach dem verlorenen Krieg in den Zeiten der französischen Besatzung und der Separatisten, die das Rheinland vom Deutschen Reich abtrennen wollten, bewusst an die deutsche nationale Befreiungsbewegung an. Der neue Verein entwickelt sich sofort wahrhaft stürmisch. Als er im Juli 1949 sein 25-jähriges Stiftungsfest feiert, tritt er mit sage und schreibe 63 aktiven Sängern auf, sein Gast „Frohsinn“ „nur" mit 50, der StotzheimerKirchenchor ebenfalls mit 50, davon allerdings ein Teil Sängerinnen. Das sind ja Zahlen, von denen wir heute nur noch träumen können! Der Stolz auf die prächtige Entwicklung des„Rütli“ spiegelt sich in der kleinen Vereinsgeschichte, die der Festausschuss 1949 in die

Rütli-Festschrift setzt „Bei der Gründung waren 24 Sänger anwesend von denen heute noch zehn ab aktive Sänger dem Verein angehören. Die Chorleitung übernahm Herr Ludwig Schmitz, der sich dieser Aufgabe bis 1945 in selbstloser Weise und zur vollen Zufriedenheit seiner Sanger unterzog. Bereits 19.28 konnte der Verein mit einem gießen Sängerfeste verbunden mit Fahnenweihe an die Öffentlichkeit treten. Die Heimatverbundenheit des Vereins wurde zum Ausdruck gebracht durch die Ausschmückung der Fahne mit der Abbildung der jahrhundertealten Hardtburg. In der Folgezeit beteiligte sich der Verein jährlich erfolgreich an verschiedenen Sängerfesten seiner Brudervereine. Auch das gesellige Leben und die Unterhaltung kamen in den Jahren bis 1939 zu ihrem Recht. Außer den üblichen Veranstaltungen an einem der Fastnachtstage und an den Kirmestagen trat der Verein mit der Aufführung verschiedener Theater- und Operettenspiele erfolgreich an die Öffentlichkeit. Größere Ausflüge zum Rhein, zur Ahr und zum Laacher See brachten Freude und Erholung.(...)  Während des zweiten Weltkrieges kam das Vereinsleben zum Erliegen. Das Ende des Weltkrieges brachte ein Wiederaufleben des Vereins. Nach Elfjähriger Pause trater im März 1946 wieder zusammen. Die Chorleitung übernahm Herr Richard Schorr. Präsident wurde Herr Ludwig Schmitz". Der Bericht endet mit einem hoffnungsvollen Blick auf eine „glückhafte Zukunft".

 

 

 


Der Zusammenschluss

 

Dieser Wunsch erfüllte sich leider nicht. Nach 7 Jahren zu hatte sich das Bild -in beiden Chören! - gewaltig verändert.    Am „Tag der deutschen Einheit“, am 17. Juni 1957, treffen sich darum die aktiven Mitglieder beider Chöre in einer gemeinsamen Versammlung, und es sind zusammen nur noch 39 Sänger, ein Drittel der früheren Zahl!

 Der „Rütli“-Vorsitzende und Versammlungsleiter Jakob Brücker schildert die Situation: „Nachdem beide Vereine 1946 Ihr Vereinsleben wiederaufgenommen hatten, war beiderseitig bis 1952 eine sehr aktive Vereinstätigkeit zu verzeichnen, die aber dann allmählich immer mehr absank, weil sich das allgemeine Interesse anderen Dingen wie Kino, Motorrad und Fernsehen immer mehr zuwandte. Viele von den Vereinen angesetzte Gesangstunden konnten wegen schlechten Besuchs bzw. ungleichmäßiger Besetzung der Stimmen nicht durchgeführt werden." Brücker verweist auf gute Erfahrungen, die beide Chöre in jüngster Zeit bei gemeinsamen Proben und Auftritten gemacht haben. Nur ein Zusammenschluss könne „altem Kulturgut wieder die Geltung innerhalb der Dorfgemeinschaft verschaffen", „die ihm seit jeher Zustand". Auf die Frage: „Seid ihr_ mit dem Zusammenschluss der beiden Vereine einverstanden?“ antworten in geheimer Wahl alle 39 mit „Ja“; vermutlich sind die Neinsager erst gar nicht erschienen.

Brücker, der dann auch der 1. Vorsitzende des neuen Vereins wird, betont, „dass der Verein auf der Tradition der beiden alten Vereine aufbauen und in den vor uns liegenden Jahren neuen und größeren Auftrieb verschaffen müsse." Man einigt sich auf den Namen „Männergesangverein 1879 Stotzheim“ und lässt also die unterscheidenden Schmucknamen „Frohsinn“ und „Rütli" ganz weg. Wenn man nun „pingelich" genau sein wollte – aber wer will das schon?! - müsste man das Alter dieses Vereins mit 48 Jahren ansetzen.


Den Takttierstock verloren

 

Kehren wir nun zum guten alten „Frohsinn“ zurück. Wie hat er sich nach seiner Neufassung von 1892 entwickelt? Für die ersten 30 Jahre ist im Protokollbuch nur wenig eingetragen. Wir erfahren z.B. fast nichts von den Chorliedern, die der Dirigent eingeübt hat.

Nach wenigen Monaten Probezeit ist Johann Mauel so waghalsig, den Chor zum „Gutachtersingen" anzumelden. Prompt geht der Auftritt schief. Der Dirigent erzählt das ganz offen: „Schon nach zweijährigem Bestehen als Gesangverein wollte derselbe sein Können im Wettsingen mit anderen Vereinen auf dem Gesangswettstreit in Zülpich messen. Doch nicht ohne gewisses Bangen wurde diese Fahrt zum ersten Sängerkampfe angetreten, wobei der Dirigent seinen Takttierstock mit silberner Tonpfeife verlor und (bei der herrschenden Unruhe im Saale und in der Aufregung mit der ungewohnten Stimmgabel) den Ton zu hoch angab, weshalb der Verein ohne Preis heimkehren musste. " Hier geht es höchst vornehm zu: „Takttierstock mit silberner Tonpfeife" welcher Chordirigent hat dergleichen heutzutage?!

Aber man lässt sich nicht entmutigen und kann in den nächsten 12 Jahren eine stattliche Zahl von Preisen einheimsen, in diesen „Gesang wettstreiten“, die damals in unserer Region erstaunlich häufig stattfinden. Man spricht deshalb auch von „Gesangsport“. Unsere Stotzheimer Sänger ziehen zu diesem Zweck nach Zülpich, Köln, Neuwied, Lechenich, Bonn-Kessenich und Gießen, natürlich mit der Eisenbahn zum nächstgelegenen Bahnhof, wo sie feierlich abgeholt werden. In Gießen erringt der „Frohsinn“ sogar einen 1. Ehrenpreis, und der Bürgermeister Gommer aus Büsdorf ist so begeistert von der Leistung der Stotzheimer, dass er ihrem Verein als „Ehrenmitglied“ beitritt.

 

 

 


                                                                                                                                                                                           Seite vor !